Position der AbL Hessen zum Thema

  • Der Wolf ist nach Deutschland eingewandert und breitet sich aus. Seine Präsenz ist nicht zu vermeiden.
  • Die Weidetierhaltung stellt eine multifunktionale Form der Landbewirtschaftung dar. Sie verknüpft die artgerechte, nachhaltige Produktion hochwertiger Lebensmittel mit vielfältigen ökologischen und dem Gemeinwohl dienenden Leistungen (u.a. Biodiversität, CO2-Sequestrierung, Landschaftspflege und Tierwohl).
  • Die rückkehrenden Wölfe treffen auf eine Weidewirtschaft, deren Existenz nicht gesichert ist. Die Rückkehr der Wölfe darf keinesfalls zur Verschlechterung der betrieblichen Situation der weidetierhaltenden Betriebe führen.
  • Flächendeckender Herdenschutz ist die Vorraussetzung für die Koexistenz. Alle dadurch entstehenden, über die derzeit praktizierte Hütesicherheit hinausgehenden Aufwendungen müssen gesamtgesellschaftlich getragen werden. Der Weidetierhaltung kann ein zusätzlicher Aufwand zum Herdenschutz nicht zugemutet werden.
  • Es darf kein Wettrüsten zwischen Herdenschutz und Wölfen geben. Wölfe, die den definierten Herdenschutz überwinden, sind zu entnehmen.
  • Herdenschutz muss Teil der landwirtschaftlichen Beratungspraxis werden. Die Forschung für den Herdenschutz ist zu intensivieren.

Wölfe gehören dazu

Die Verbände identifizieren die Rückkehr von Wölfen als Zielkonflikt: Zum einen haben Wölfe als heimische Tiere in unseren Ökosystemen ihren Platz und werden grundsätzlich akzeptiert. Die Ansiedlung von Raubtieren, insbesondere der Wölfe, bedeutet eine Verschlechterung der Situation der Weidetierhaltung. Die erforderlichen Herdenschutzmaßnahmen gehen über den Zaunbau zur Gewährleistung der Hütesicherheit weit hinaus und erfordern ein Vielfaches an Arbeit, Kosten und bürokratischem Aufwand. Hinzu kommt eine enorme psychische Belastung der Weidetierhalter.

Ökonomische Situation der Weidetierhaltung muss stabil sein

Die aktuelle ökomische Situation der Weidewirtschaft in Deutschland ist angespannt. Eine wachsende Zahl landwirtschaftlicher Betriebe sieht sich zur Aufgabe der Weidewirtschaft oder zur Betriebsumstellung gezwungen. Dieser Entwicklung muss aus gesellschaftspolitischen Gründen wirksam entgegengewirkt werden. Es müssen agrarpolitische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Weidetierhaltern eine betriebliche Zukunftsperspektive eröffnen. Das schließt die angemessene Honorierung der erbrachten Gemeinwohlleistungen ein. Die aus Gründen des Klimaschutzes und der Gesundheitsförderung notwendige Reduzierung des Fleischverzehrs und des Konsums von Lebensmitteln tierischen Ursprungs muss auf der Seite der industriellen Produktion stattfinden.

Die Verbände fordern daher eine Förderung der Weidetierhaltung, die den erbrachten Leistungen entspricht. Bei der Erzeugung hochwertiger und nachhaltiger Lebensmittel bestehende Wettbewerbsnachteile müssen ausgeglichen werden. Weidetierhaltende Betriebe müssen ihre Einkommen auch über die angemessene Honorierung von Gemeinwohlleistungen sichern und stabilisieren können. Sie stellt keine Möglichkeit der Finanzierung von Herdenschutz dar.

Wirksamer Herdenschutz ist der Schlüssel für das Miteinander

Das wohl bedeutendste Konfliktfeld, was sich aus der selbstständigen Rückkehr der Wölfe in unsere Kulturlandschaften ergibt, betrifft die Weidetierhaltung. Ein flächendeckender, vorbeugender Herdenschutz bildet die Grundlage für die Minderung/Verhinderung wolfsverursachter Schäden an Weidetieren. Die Ausweisung von Wolfs(präventions)gebieten ist nicht sinnvoll, da Wölfe außer in den Ballungsgebieten überall angemessenen Lebensraum finden können. Die Förderung von Herdenschutz muss deshalb flächendeckend und frühzeitig - bevor sich Wölfe ansiedeln - angeboten werden.

Zusätzlicher Aufwand für vorbeugenden Herdenschutz sowie Verluste durch Wolfsübergriffe beeinträchtigen die Wirtschaftlichkeit der Weidetierhaltung erheblich und verschärfen den bestehenden Wettbewerbsnachteil gegenüber der ganzjährigen Stallhaltung. Die personelle und finanzielle Situation der Weidetierhaltung stellt sich so dar, dass sämtliche zusätzliche Schutzmaßnahmen, die über die Hütesicherheit hinausgehen, durch die öffentliche Hand finanziert werden müssen, damit sie akzeptiert werden und Wirksamkeit entfalten.

Der Herdenschutz muss auf der Basis einer guten fachlichen Praxis erfolgen. Für die Weidehaltung von Schafen und Ziegen bedeutet dies in der Regel die aktive Behirtung oder den Einsatz von Elektrozäunen mit einer bauartbedingten Mindesthöhe von 90 cm, einer Mindestspannung von 2.500 Volt und einem geeigneten Untergrabschutz (z.B. stromführende Litze bei ca. 20 cm über dem Boden). Erfahrungen zeigen, dass der korrekte Aufbau, regelmäßige Kontrollen und der flächendeckende Einsatz in Wolfsgebieten entscheidend für die wolfsabweisende Wirkung sind.

Die Kosten für die Anschaffung und den Unterhalt dieses Grundschutzes ist Weidetierhaltern mit Mitteln aus der öffentlichen Hand zu erstatten. Tierhaltern, die sich entscheiden, über diesen Grundschutz hinausgehende Maßnahmen zu ergreifen, wie z.B. höhere Zäune oder zusätzliche Herdenschutzhunde, sollen die Kosten dafür ebenfalls erstattet bekommen.

Grenzen des Herdenschutzes

Sollte ein Wolf ordnungsgemäß eingesetzte Herdenschutzmaßnahmen überwinden und dabei Weidetiere töten oder verletzen, ist dem betreffenden Landwirt in angemessenem Umfang eine Kompensation zu zahlen.

Werden ordnungsgemäß eingesetzte Herdenschutzmaßnahmen (Grundschutz) wiederholt durch einen Wolf/Wölfe überwunden, ist/sind diese/r konsequent und schnell zu entnehmen, um die Aufrechterhaltung der Weidetierhaltung unter zumutbaren Bedingungen zu gewährleisten und die Gefahr von ernsten wirtschaftlichen Schäden abzuwenden. Für die Entnahme ist einzig die Überwindung des Grundschutzes entscheidend.

Zumutbarer flächendeckender Herdenschutz ist eine zentrale Voraussetzung für die Koexistenz von Wölfen und Weidetierhaltung in der Kulturlandschaft. Gleichzeitig ist Weidetierhaltung für Natur- und Landschaftspflege unverzichtbar. Daraus leiten sich für Weidetierhalter*innen und Staat unabdingbare Verpflichtungen ab:

  • Bund und Länder müssen die Förderung von Herdenschutz so gestalten, dass Tierhalter*innen durch die gesellschaftlich gewünschte Rückkehr des Wolfes keine finanziellen Nachteile erleiden. Dazu braucht es verlässliche Förderung. Die innerhalb der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz vorgesehenen Instrumente sind entsprechend zu entwickeln, umzusetzen und zu finanzieren.
  • Dies ist die Vorraussetzung dafür, dass Herdenschutz für jede*n Tierhalter*in selbstverständlich werden muss.
  • Herdenschutz kann nur Voraussetzung für Abschüsse sein, insofern er praktisch und finanziell machbar ist.

Solange die Voraussetzungen zur Koexistenz von Wölfen und Weidetieren nicht geschaffen worden sind (flächendeckender Herdenschutz und dessen verlässliche Finanzierung), ist eine Entnahme von Wölfen die Weidetiere töten oder verletzen, die Konsequenz.

Um solchen Abschüssen im Sinne des Artenschutzes vorzubeugen, muss es das Ziel allen politischen Handelns sein, oben definierte Koexistenzgrundlagen von Wölfen und Weidetieren herzustellen. Es ist festzuhalten, dass sich weder Naturschutz- noch Landwirtschaftsverbände mit der mangelnden Förderung zufrieden geben werden.

Die Entnahme muss in so einem Fall konsequent und schnell durchgeführt werden.

Pauschale Abschussquoten oder eine Bejagung im Sinne des BJagdG wird als nicht zielführende Maßnahme des Herdenschutzes angesehen.

Transparente und fundierte Information fördern das Vertrauen

Zur Wahrung des Vertrauens aller Seiten in die Ergebnisse der Rissbegutachtung als auch des vorhandenen Herdenschutzes ist die qualitativ hochwertige theoretische und praktische Ausbildung der beauftragten Gutachter sicher zu stellen.

Die Beratung von Weidetierhaltern ist zentrales Element des Herdenschutzes. Sie muss ausgebaut und als öffentliche Leistung angeboten werden. Wölfe unterscheiden nicht zwischen kleinen oder großen Herden, daher muss diese Beratung als ein Bestandteil der Präventionsmaßnahmen für alle Weidetierhalter verfügbar sein.

Februar 2021


Mainzer Appell: Termine zum sozial-ökologischen Wandel

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