Die schwarze Landvolkfahne sorgt bei Bauerndemos für Aufsehen

Autorin: Tanja Busse für der Freitag - Die Wochenzeitung

Onno Poppinga, 77, ist auf einem Bauernhof in Ostfriesland aufgewachsen. Bis 2009 war er Professor für Regionale Agrarpolitik an der Universität Kassel-Witzenhausen und hat mitgeholfen, eine alte Rinderrassse auf dem Versuchgut der Universität wieder zu etablieren. 1975 erschien sein Buch Bauern und Politik, in dem er auch die Landvolkbewegung analysiert. Er ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der IG BAU sowie Nebenerwerbslandwirt mit zehn Hektar Grünland. Poppinga setzt sich für faire Milchpreise ein.

der Freitag: Herr Poppinga, seit Wochen demonstrieren Landwirte in Berlin gegen die wirtschaftliche Not auf ihren Höfen. Einige haben schwarze Fahnen mit weißem Pflug und rotem Schwert dabei, das Symbol der gewalttätigen und nationalistischen Landvolk-Bewegung der 20er Jahre. Politiker und Verbände haben sich entsetzt distanziert. Sind die Landwirte nach rechts gerückt?

Onno Poppinga: Ich halte ich es für voreilig, alle Landwirte, die mit dieser Fahne in Berlin protestieren, als rechts einzustufen. Für Bauern in Ost- und Nordfriesland stand die Landvolkfahne auch für Widerstand und Proteste gegen die Zwangsversteigerung von Höfen vor knapp 100 Jahren. Wenn diese historische Fahne heute wieder hervorgeholt wird, wollen sie damit wohl sagen: Jetzt reicht es uns. Wenn alle unsere Demonstrationen noch nichts bewirkt haben, dann „packen wir noch eine Schippe drauf“! Trotzdem finde ich es falsch, dass die Landwirte die Landvolk-Fahne wieder hervorgeholt haben: Sie kann nur missverstanden werden.

Was macht die Landwirte in Berlin denn so wütend?

Sie protestieren, weil die politischen Parteien und die Agrarwirtschaft keine Lösungen für ihre Probleme bieten und weil die wirtschaftliche Lage bei vielen Betrieben äußerst angespannt ist. Die konventionellen Landwirte, die heute demonstrieren, haben all das vorbildlich gemacht, was die Politik, die Wissenschaft, das Beratungssystem, die Medien in der Vergangenheit von ihnen verlangt haben. Sie haben ihre Höfe vergrößert, die Leistungen gesteigert, die Tierzahlen erhöht und dabei auch hingenommen, dass es bei so machen Betrieben zu einer Überdüngung der Felder und zu einer Verschlechterung der Lebensbedingungen der Tiere gekommen ist. Vorangetrieben wurde das alles auch durch staatliche Maßnahmen wie die Flurbereinigung und die finanzielle Förderung von Investitionen. Über Jahrzehnte hatten diese Landwirte den Eindruck, dass unsere Gesellschaft genau das will: eine hochproduktive Landwirtschaft, die günstige Lebensmittel erzeugt, mit denen man auf dem Weltmarkt reüssieren kann. Wer als Landwirt das in der Vergangenheit nicht mitmachen wollte, mußte als Einzelkämpfer seinen Weg gehen, und das war schwer genug.

Jetzt realisieren die Landwirte, dass keiner mehr all das will, worauf sie so stolz waren. Die Politik beschreibt inzwischen zwar manche der Probleme, die durch die intensive exportorientierte Landwirtschaft entstanden sind, statt aber real etwas zu ändern, richtet sie lieber nur neue Kommissionen ein. Vor allem drückt sie sich vor den notwendigen Auseinandersetzungen mit der Agrarwirtschaft. Die Politiker, aber auch die Agrarwirtschaft sollten diese Proteste als eine Art Hilferuf sehen, dass die Landwirtschaft neue Rahmenbedingungen benötigt und neue Ziele für ihre Arbeit.

Wie ist es denn zu dieser wirtschaftlichen Notlage bei vielen Betrieben gekommen? Viele Studien, auch die, an denen Sie mitgewirkt haben, zeigen ja, dass die Erzeugerpreise etwa bei Milchviehbetrieben weit von einer Kostendeckung entfernt sind.

Die Bauern erleben seit langem, dass es für sie keine funktionierende Marktwirtschaft gibt. Die Milchbauern beispielsweise müssen ihre Milch abliefern, ohne daß sie wissen, was sie dafür erlösen. Sie können nur hoffen, dass das Milchgeld nach drei oder vier Wochen einigermaßen stimmt, aber sie haben keinerlei Einfluss auf die Preise. Eine Mitarbeiterin des Bundeskartellamtes, die vor gut zehn Jahren diese Verhältnisse untersucht hat, sagte denn auch, solche Stukturen hätte sie noch in keiner anderen Branche je beobachtet. Seit Jahren arbeitet ein Großteil der Milchbauern weit unter Mindestlohn. Das haben sie lange durch Überarbeit aufgefangen, die karge landwirtschaftliche Rente der Eltern, das Einkommen der Ehefrau, alles wurde mobilisiert. Doch vergangenes Jahr ist das Fass zum Überlaufen gekommen. Seit eineinviertel Jahren gehen die Landwirtinnen und Landwirte auf die Straße und demonstrieren – doch alles, was sie bisher gemacht haben, hat die Politiker und die Agrarwirtschaft offensichtlich noch nicht sonderlich beeindruckt. Deshalb entwickeln sie neue Protestformen – mit der Blockade von Zentrallagern des Lebensmitteleinzelhandels scheinen sie nun einen neuralgischen Punkt getroffen zu haben – und ja, sie erschrecken die Politiker mit der schwarzen Fahne.

Damit berufen sie sich auf die norddeutsche Landvolkbewegung, die sich Ende der zwanziger Jahre radikalisiert hat und deren Anführer Bomben in Finanzämter gelegt haben. Warum?

In den zwanziger Jahren gab es eine extreme Notsituation in der Landwirtschaft. Viele Höfe hatten, kaisertreu wie sie waren, Kriegsanleihen gezeichnet, die nun verloren waren. Das restliche Barvermögen war durch die Währungsreform dahin. Viele Landwirte und Landarbeiter waren im Ersten Weltkrieg umgekommen, sie fehlten auf den Höfen. Umfangreiche Importe von Lebensmitteln und Futtermitteln, die es auch schon vor dem Ersten Weltkrieg gegeben hatte, drückten nun auf die Preise, weil die Wirtschaft nicht lief, weil die Arbeitslosigkeit hoch und die Kaufkraft gering war. Und die preußischen Behörden waren beim Eintreiben der Steuerlast ähnlich unerbittlich wie der Finanzminister Schäuble nach der letzten Bankenkrise gegenüber den armen Griechen. Es gab eine Pleitewelle vor allem bei den einst wohlhabenden Großbauern der nordfriesischen Westküste und bei Höfen, die viel investiert haben. Die Behörden ordneten Zwangsversteigerungen an, erst von Vieh und dann von ganzen Höfen.

Und dagegen haben sich die Bauern damals gewehrt?

Bekannt ist ein Beispiel aus dem Dorf Beidenfleth. Als Gerichtsvollzieher zwei Ochsen eines verschuldeten Hofes pfänden und wegführen wollten, zündeten Landwirte eine Sperre aus Strohballen an. Die Tiere erschreckten, rissen sich los und liefen zum Hof zurück. Sehr oft haben die Bauern durch Absprachen, auch mit Drohungen dafür gesorgt, dass niemand bei Zwangsversteigerungen die Hand gehoben hat. Daneben hatte auch der Aufruf zum Steuerstreik große Bedeutung und der zur Verweigerung, weiterere Abgaben zu zahlen, an die Landwirtschaftskammern etwa. Hans Fallada hat die Landvolkbewegung übrigens sehr genau in seinem Roman Bauern, Bonzen und Bomben beschrieben.

Tatsache ist aber auch, dass in den Reden und Erklärungen von führenden Bauern der Landvolkbewegung nationaler Pathos und antisemitische Hetze einenen festen Platz hatten. Das war aber leider etwas, was damals in den meisten Parteien und staatlichen Institutionen weit verbreitet war. Von SPD, KPD und Gewerkschaften abgesehen durchzogen Nationalismus und Antisemitismus den Alltag im damaligen Deutschland. Pfarrer der evangelischen Kirche traten auf als Agitatoren für die NSDAP auf, die größte Interessenvereinigung des Adels – die deutsche Adelsgenossenschaft – führte den „Arierparagraphen“ ein und vertrieb so ihre wenigen jüdischen Mitglieder; an allen deutschen Universitäten verhinderten Nazistudenten die Vorlesung der wenigen links eingestellten Professoren.

Fotos aus den 60ern zeigen Vertreter des niedersächsischen Landvolkverbandes mit der schwarzen Fahne auf Demonstrationen. Wurden die Fahnen damals nicht als rechtes Symbol gesehen?

Bekanntlich gab es in Deutschland keine „Stunde Null“, keinen unbelasteten Neuanfang; in fast allen Parteien, staatlichen Institutionen und Wirtschaftsverbänden konnten Ex-Nazis ihre Tätigkeit fortsetzen. Das war in der Landwirtschaft sogar besonders ausgeprägt, weil der von den Nazis eingerichtete „Reichsnährstand“ erst bei Gründung der Bundesrepublik aufgelöste wurde. Ich habe zum Beispiel in den 60er Jahren an einer Hochschule studiert, bei der die Professur für internationale Landwirtschaft besetzt war mit dem „Sonderbeaufragten Adolf Hitlers für die Entkollektivierung der Ukraine“.

Nun weiß ich natürlich nicht, wer damals die schwarze Fahne getragen hat. Es kann aus Erinnerung an die Proteste gegen die wirtschaftliche Not gewesen sein, es kann aber auch aus rechtsradikaler Gesinnung heraus geschehen sein. Gerade in Niedersachsen gab es keine „Stunde Null“.

In Ihrem Buch Bauern und Politik haben Sie geschrieben, die „Landvolkbewegung entsprang der wirtschaftlichen Krisensituation und holte die Bauern aus der passiven Anhangsituation bei den berufsständischen Verbänden heraus, sie entwickelt sich immer stärker von einer vorwiegend wirtschaftspolitischen Begwegung zu einer Beweguneg gegen den Staat von Weimer und wurde dann von der NSDAP wegorganisiert.“ War die Ausgangssituation der Landwirte damals vergleichbar mit heute?

Die Anführer damals kamen von den großbäuerlichen Höfen an der Westküste Schleswig-Holsteins. Auch bei den heutigen Protestbewegungen geben häufig die Besitzer von großen Betrieben den Ton an. Doch die Ausgangsbedingungen sind heute schon sehr anders: In den zwanziger Jahren gab es noch eine weitgehend handwerkliche Landwirtschaft. Heute haben die Höfe einen riesigen Kapitalbedarf, weil sie sehr technisiert sind. Wer bei dieser Entwicklung nicht mithält, muss sich seinen eigenenWeg freikämpfen oder er wird Opfer des Strukturwandels. Die Hoffnung der Landwirte war lange: Wer zu den Besten gehört, der wird auch in Zukunft bestehen. Doch der Kreis der Betriebe, bei denen sich diese Hoffnung tatsächlich erfüllt, wird immer kleiner. Es ist deshalb auch nur der erste Schritt, seinen Protest auf die Straße zu tragen. Der nächste muss sein, sich mit den gescheiterten Hoffnungen und den bisherigen Zielen auseinanderzusetzen. So fand ja das Ende der Milchquotenregelung und die Steigerung der Produktion für Exporte in Drittländer unlängst noch breiteste Unterstützung gerade von den Bauern, die glaubten, sie wären mit ihren leistungsfähigen Betrieben dafür gerüstet. Die Bauern greifen deshalb viel zu kurz, wenn sie nur höhere Preise fordern; sie müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass niemand mehr die hochintensive Form von Landwirtschaft will. Die Bundeslandwirtschaftsministerin mag da noch Rückzugsgefechte liefern, aufhalten kann sie die notwendige Neuausrichtung sicherlich nicht.

Damals wie heute wehrten sich die Landwirte gegen Importe.

Ja, aber die Umstände sind schon sehr anders. Wer sieht denn heute noch einen Sinn in immer neuen Freihandelsabkommen, in den Importen von gentechnisch verändertem Soja und Sojaextraktionsschrot als Futter für Hühner und Schweine in der EU? Einiges Positive hat die EU ja in diesem Sinn schon erreicht, etwa dass kein Hormonfleisch aus den USA importiert wird und dass keine gentechnisch veränderten Pflanzen in der EU angebaut werden dürfen.

Ein ungelöstes Problem besteht aber darin, dass in der EU viele Produktionsbedingungen noch national sehr unterschiedlich geregelt sind. In Deutschland ist es beispielsweise nach jahrzehntelangem Kampf der Tier- und der Umweltschutzbewegung gegen die Geflügelindustrie und ihr nahestehende Wissenschaftler gelungen, die Haltung von Legehennen in Käfigen zu verbieten. Bei einigen anderen EU-Ländern ist das aber nicht so. Folge: die meisten Fertigprodukte, die die Lebensmitelindustrie in Deutschland erzeugt, enthalten Eier aus Käfighaltung. Wer dieses Problem benennt, handelt nicht nationalisitisch, sondern im Sinne der Hühner und für den Verbraucherschutz.

In der nächsten Woche will die Bundesregierung das Insektenschutzprogramm verabschieden – und mehr Insektenschutz ist dringend notwendig, um das Insektensterben mindestens zu verlangsamen. Doch für die Landwirte bedeutet das, dass ihre Produktion teurer wird – im Vergleich zu den Produkten aus anderen Ländern.

Ich sehe das Problem darin, dass hier vor allem mit Ge- und Verboten gearbeitet wird, ohne dass gleichzeitig dafür gesorgt wird, dass die Landwirtschaft, die positive Wirkung auf die Umwelt, auf Wasser, Insekten und Qualität der Lebensmittel hat oder haben könnte, das auch umsetzen kann. Solange die wirtschaftliche Lage bei einem großen Teil der landwirtschaftlichen Betriebe desolat ist und darauf nicht glaubwürdig eingegangen wird, werden an sich sinnvolle Anforderungen nur als weitere Verschärfung und Bedrohung wahrgenommen, so ist zumindest meine Befürchtung.

Was raten Sie den protestierenden Bauern?

Sie müssen nicht nur Forderungen an andere stellen, sondern sich auch fragen, warum sie bei dieser Art von Landwirtschaft mitgemacht haben, die sie jetzt selbst in den Ruin zu treiben droht. Es ist ein Scherz, aber man könnte sagen, die Bauern haben durch die Agrarpolitik, durch die sehr qualifizierte Ausbildung, die sie durchlaufen haben, eine „Änderung in ihren Genen“ erfahren. Das Streben nach höchster Produktionsleistung ist den Bauern extrem stark eingetrichtert worden, es galt als Voraussetzung dafür, wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Also, du musst die 10.000-Liter-Kuh im Stall haben, wenn du überhaupt den Mund aufmachen willst. Oder Sauen, die mindestens dreißig Ferkel im Jahr zur Welt bringen, oder mindestens 90 Doppelzentner Weizen vom Hektar Ertrag vorweisen.

Unsere Untersuchungen von Milchviehbetrieben haben aber gezeigt, dass Höfe, die sich dem extremen Leistungsgedanken verweigern, die aus eigener Kraft ein eigenes System der Milcherzeugung entwickelt haben, oft wirtschaftlich deutlich besser dastehen, weil sie zwar weniger produzieren, aber auch viel weniger Kosten haben. Einer von denen hat mir einmal gesagt: „Ich weiß wohl, ich bin der Bauer rückwärts!“ So wirkt die immer noch vorhandene Denunzierung von Bauern, die es sich der hochintensiven Produktion verweigern.

Genau diese Leistungsorientierung, die zu Tierschutzproblemen, Überproduktion und Preisverfall beigetragen hat, müssen die Landwirte reflektieren. Das stellt ihr bisheriges berufliches Weltbild in Frage, aber darum kommen sie nicht herum.

Was ist die Rolle der Gesellschaft dabei? Was müssen wir als Bürgerinnen und Konsumentinnen tun?

Für unsere Gesellschaft werden die notwendigen Änderungen nicht weniger schmerzhaft sein als für die Bauern selber. Vielleicht hilft ein Vergleich mit dem Ende der Atomkraftindustrie hier weiter: Die Gesellschaft hat toleriert, dass mit ihrem Steuergeld Atomkraftwerke gebaut wurden; die Atomwissenschaft erging sich in Propaganda für die Sicherheit der Atomindustrie; die Proteste der Anti-AKW-Bewegung wurden mit Zäunen und Polizeiknüppeln niedergehalten – bis es zu Tschernobyl und Fukoshima kam. Der Umstieg auf eine neue Energieerzeugung erforderte Eingriffe in die Wirtschaft, die bis dahin undenkbar schienen: garantierte Erzeugerpreise, Mengenbegrenzung, unterschiedliche Preise in Abhängigkeit von den Kosten der Entstehung, regionale Erzeugung von Energie. Einiges aus dieser Werkzeugkiste könnte auch geeignet sein für die erforderliche Agrarwende.

[Tanja Busse ist Autorin und Moderatorin. 2019 erschien ihr Buch Das Sterben der anderen. Wie wir die biologische Vielfalt noch retten können.]

Quelle: der Freitag - Die Wochenzeitung

Bäume und Sträucher auf die Äcker

Pressemitteilung vom 10. Januar 2021

Baumreihen in der sonst kahlen Ackerlandschaft sehen nicht nur gut aus, sie bremsen die Winderosion, durch den Schatten, den sie spenden, bleibt die Feuchtigkeit länger im Boden, sie bieten vielen Tieren Unterschlupf und erschließen den Bäuerinnen und Bauern neue Ertragsquellen.

AgroforstDarüber hinaus haben die Bäume und Sträucher zwischen den Äckern zahlreiche weitere nützliche Effekte auf Klima und Artenvielfalt. Dennoch sind solche Agroforste in Deutschland kaum verbreitet - es fehlt der politische Rahmen. Die EU sieht im Anbau von Bäumen und Sträuchern auf dem Acker eine Chance für Bauern, Natur und Klima. In den neuen Bundesländern sind schon Betriebe in diese neue Anbaumethode eingestiegen und die Politik versucht dort Agroforst einen Förderrahmen zu geben.

In Rheinland-Pfalz tut sich noch nichts. „Wir vertrauen auf den Innovationsdrang von Minister Wissing, er wird sich nicht von den neuen Bundesländern abhängen lassen wollen" so Jutta Kröll, Vorsitzende der Arbeisgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL). „Gerade in Zeiten von Dürre und Wasserknappheit können wir uns dieser Anbaumethode nicht verschließen. Wir Bäuerinnen und Bauern sind bereit für Agroforst", so Kröll weiter. In der AbL haben sich sowohl konventionell als auch ökologisch wirtschaftende bäuerliche Betriebe zusammengeschlossen.

Infos zu Agroforst: https://agroforst-info.de

Offener Brief an Annalena Baerbock

Liebe Annalena,

Du hast gestern in Deiner politischen Rede von der tiefen inhaltlichen Arbeit im Grundsatzprogrammprozess gesprochen. Leider hast Du, zusammen mit Deinen fünf Bundesvorstandskolleg*innen den zweieinhalb Jahre dauernden demokratischen Grundsatzprogrammprozess ganz zum Schluss ausgehebelt, indem Ihr die Direkte Demokratie aus dem Grundsatzprogramm gestrichen habt.

Ihr habt uns Mitgliedern diese fundamentale Änderung nicht mitgeteilt. Eine Debatte dazu in den Kreisverbänden war nicht mehr möglich. Viele Delegierte haben davon erst aus der Presse erfahren, weil diese über eine Petition auf change.org berichtet hat, die sich gegen Euer Vorgehen richtete. Innerhalb weniger Tage haben über 50000 Menschen diese Petition gezeichnet. Auch haben sich vierzehn NGOs, hinter denen mehrere Millionen Menschen stehen an Euch gewandt und um die weitere Verankerung der Direkten Demokratie in unserem Grundsatzprogramm geworben.

Bis heute hast Du mit Deinen fünf Bundesvorstandskolleg*innen die Streichung der Direkten Demokratie aus unserem Grundsatzprogramm nicht begründet. In Deiner gestrigen politischen Rede sagst Du aber selbst "Veränderungen sind stark begründungspflichtig". Das passt nicht zusammen.

Warum also habt Ihr das getan? Traut sich der Bundesvorstand von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Demokratie nicht mehr zu?

Die Aufnahme eines rein beratenden Instrumentes, dem Bürger*innenrat unter dem Label „Demokratie" ist irreführend. Ihr wollt doch auch Euren zukünftigen Koalitionspartner nicht nur beraten, sondern auf Augenhöhe mit ihm entscheiden. Wie willst Du, liebe Annalena, das 1,5°-Ziel „in eine parlamentarische Mehrheit übersetzen" (Zitat aus Deiner Rede) ohne Druck durch Direkte Demokratie? Wie eine Koalition unsere Ziele ausbremst sehen wir zur Zeit im Danni. Wieviel Grün wird es im Bund mit einem zukünftigen Koalitionspartner Armin Laschet ohne Druck durch Direkte Demokratie noch geben? Laschet, der mit martialischem Polizeiaufgebot die Braunkohle durchboxt und Klimaaktivist*innen extra lange einsperren lässt! Was der Druck durch ein mögliches Volksveto bewirken kann, siehst Du in der Schweiz. Dort wurde ein traumhaftes Klimaschutzgesetz beschlossen.

Auf kommunaler Ebene wird auch bei uns davon schon lange Gebrauch gemacht. Stadtratsbeschlüsse werden durch Bürgerbegehren kassiert. Verwässerte Gesetze, wie sie Altmaier z.B. mit dem Lieferkettengesetz gerade macht, kämen nicht mehr durch. Volksentscheide kennen weder Koalitionsvereinbarungen noch Fraktionszwänge. Demokratie in Reinstform, populismussicher. Unsere Bundesarbeitsgemeinschaft „Demokratie" hat einen ebenfalls populismussicheren Kompromissvorschlag erarbeitet. Er bietet Euch Bundesvorständler*innen heute beim Parteitag die Chance, die von Euch falsch gestellte Schraube zu korrigieren, damit unser Werk gelingen kann.

Übrigens liebe Annalena, in Deinem Bundesland ist die geballte Kompetenz in Sachen Direkte Demokratie vorhanden. Nutze sie. Wir sind es den Aktivist*innen, die für unsere Ziele auf Bäume klettern und Schienen besetzen schuldig, ihnen dieses demokratische Instrument zu erstreiten. Ohne die Unterstützung durch Direkte Demokratie sind Parlamente heute nicht mehr in der Lage sich gegen die globalen Machtkomplexe zu behaupten.

Was ist das für eine verheerende Botschaft an die Welt, wenn Wir GRÜNE die elementaren Grundsätze unserer Identität aus unserem Grundsatzprogramm streichen anstatt für sie in Koalitionsverhandlungen mit aller Kraft zu streiten? Ich erwarte von Dir, liebe Annalena, und Deinen Bundesvorstandskolleg*innen Ricarda, Jamila, Michael, Marc und Robert, dass Ihr mit absolut klarer Kante unsere Grundsätze in Koalitionsverhandlungen einbringt und dafür kämpft. Nur so können wir langfristig unsere Identität sichern.

Übrigens gibt es in der Bevölkerung eine große Mehrheit für bundesweite Volksentscheide, selbst bei den Mitgliedern der CDU.

Liebe Grüße,

Francois Botens, KV Mainz-Bingen
Mainzer Straße 254
55218 Ingelheim

Hintergrund: Vor wenigen Wochen war bekannt geworden, dass der Bundesvorstand von Bündnis 90/Die Grünen die bundesweiten Volksabstimmungen aus ihrem Grundsatzprogramm gestrichen haben.

„Wenn ich nicht die Unterstützung und Hilfe so vieler Menschen in der ganzen Welt gehabt hätte, ich hätte es nicht tun können.“

Percy Schmeiser
+ 13.10.2020

Wir trauern um Percy Schmeiser, Ackerbauer aus Saskatchewan, Kanada, der im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Wir haben Percy als bescheidenen, aber sehr hartnäckigen Kämpfer gegen den multinationalen Saatgutkonzern Monsanto, gegen die Gentechnik und Patentierung von Saatgut und für das Recht auf Nachbau kennen gelernt. Seine jahrelange Auseinandersetzung mit Monsanto wegen gentechnischer Verunreinigung seiner Ernte ging bis zum höchsten kanadischen Gerichtshof (2004) und erregte weltweites Aufsehen. Er hat seine auch sehr persönlichen Erfahrungen mit Monsanto auf unzähligen, auch von der AbL unterstützten Veranstaltungen mit uns geteilt. Dafür und für seinen Mut sind wir ihm sehr dankbar.

Wir wünschen seiner liebenswürdigen Frau Louise sowie der ganzen Familie sehr viel Kraft.

Georg Janßen und Annemarie Volling
Im Namen der AbL und der IG Nachbau

Globaler Klimastreik am 25. September 2020

2 Tage, 21 Stunden, 26 Minuten und 20 Sekunden

Am Freitag, den 25. September 2020, gehen wir wieder auf die Straße – regional, deutschlandweit, weltweit. DIE KLIMAKRISE MACHT KEINE PAUSE! Für starke EU-Klimaziele, einen Kohleausstieg bis 2030 und eine sozial-ökologische Wende gehen wir gemeinsam mit Fridays for Future auf die Straßen!

Komm zum globalen Klimastreik am 25. September – natürlich Corona-konform.

im Namen des Bundesvorstands der AbL möchte ich Euch sehr ermuntern, ob mit Trecker oder ohne, am Freitag bei den vielen Aktionen im Bundesgebiet dabei zu sein. Es liegt in unserem ureigenen bäuerlichen Interesse, dass der menschengemachte Klimawandel endlich ernst genommen und auch politisch gegengesteuert wird. Schon jetzt verlieren auch Bäuerinnen und Bauern weltweit wegen der zunehmenden Wetterextreme alles Hab und Gut. Corona-Pandemie plus Klimawandel plus Ungleichheiten sorgen dafür, dass laut Welternähungsorganisation FAO aktuell 270 Millionen Menschen extrem von Hunger bedroht sind. Auch in Deutschland spüren wir in einigen Regionen in den Wäldern, auf dem Acker und auf dem Grünland die gewaltigen Klimaveränderungen. Deshalb müssen wir aufstehen.

Die AbL ist zusammen mit 160 Or-ganisationen in Deutschland Unterstützerin des Klimastreiks. Wir wollen damit ein bäuerliches Signal setzen. Nehmt die AbL-Fahne oder ein Banner oder malt ein Schild für die Aktion in Eurer Region. Wir müssen alle zusammen den Druck verstärken.

Pressemitteilung

Demonstration zum EU-Agrargipfel: Antiquierte Subventionspraxis beenden – Höfe erhalten, Insekten retten & Klima schützen / Auftakt für vielfältige Proteste in Koblenz

Koblenz/Brüssel, 30.8.2020

1200 Menschen demonstrieren in Koblenz für eine grundlegende Wende in der europäischen Agrarpolitik. Zum Auftakt des EU-Agrargipfels, zu dem Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner ihre Amtskolleg*innen an die Mosel einlädt, fordern die Demonstrant*innen die europäische Agrarwende. Angeführt von Bäuer*innen mit Traktoren ziehen junge Menschen in Tierkostümen, Imker*innen mit Smokern und Umweltaktivist*innen zum Koblenzer Schloss, wo sie sich lautstark Gehör verschaffen.

Derzeit entscheidet sich, wie die 55 Milliarden Euro verteilt werden, die die EU künftig pro Jahr an die Landwirtschaft zahlt. Bei dem EU-Agrartreffen in Koblenz (30.8.-1.9.) werden die Weichen für die abschließenden Verhandlungen hierzu gestellt. Klar ist: Die pauschalen Flä-chensubventionen sind nicht mehr zeitgemäß. Bei der aktuellen Reform der gemeinsamen EU-Agrarpolitik (GAP) müssen Klima- und Insektenschutz vorangebracht, der Umbau der Ställe hin zu artgerechter Haltung finanziert und das Höfesterben beendet werden.

Die Flächensubventionen nach dem Motto „Wer viel hat, dem wird gegeben“ befeuern einen massiven Konzentrationsprozess in der europäischen Landwirtschaft. Trotz hunderten Milliar-den Euro an Subventionen – jeder dritte Euro aus dem EU-Haushalt geht an die Landwirtschaft – mussten in der EU zwischen 2005 und 2016 über vier Millionen Bauernhöfe (29 Prozent) ihre Tore schließen. Die übrigen Betriebe bewirtschaften immer größere Flächen.i Von den Subventionen profitieren die, die auf Masse und nicht nachhaltig produzieren. Das muss sich ändern.

Saskia Richartz, Sprecherin des „Wir haben es satt!“-Bündnisses, sagt:

„Wir demonstrieren heute stellvertretend für Zigtausende in ganz Europa. Unser Auftrag an Julia Klöckner und die versammelten Minister*innen lautet: Jetzt umsteuern – verabschieden Sie sich von der antiquierten Förderpraxis! Nur wenn wir Insekten, Böden und das Klima schützen, den Pestizideinsatz reduzieren und Vielfalt auf den Acker bringen, sind wir bereit für die kommenden Herausforderungen. Hören Sie auf Landbesitz zu subventionieren und unterstützen Sie die Bauernhöfe in Europa jetzt bei der Agrarwende!“

Ralf Wey, Bauer aus Moselsürsch bei Koblenz und Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft in Rheinland-Pfalz (AbL), sagt:

„Wir ackern tagtäglich für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, doch es fehlt die Unterstützung der Politik für die notwendigen Veränderungen auf den Höfen. Die Fördergelder müssen zielgerichtet verteilt werden, dann sind artgerechte Tierhaltung und Klima- und Artenschutz machbar. Wir fordern von den Agrarminister*innen: Drehen Sie der Agrarindustrie den Geldhahn ab und investieren Sie endlich in den Umbau der Landwirtschaft!“

Annette Seehaus-Arnold, Präsidentin des Deutschen Berufs- und Erwerbsimkerbundes (DBIB), sagt:

„Wir haben Agrarministerin Klöckner heute den schwarzen Pinsel für miserablen Insektenschutz verliehen. Sie hat angekündigt die Insekten zu retten, aber letztlich stand sie immer auf der Bremse. Die EU-Kommission will den Pestizideinsatz bis 2030 halbieren. Wo sind die Pläne zur Umsetzung dieses Ziels, Frau Klöckner? Ganz Europa schaut auf Klöckners Vorsitz im EU-Agrarrat. Jetzt muss sie zeigen, dass sie mehr als Ankündigungen kann!“

Europäischer Protestbrief für die Agrarwende

In der vergangenen Woche haben sich mehr als 400 bäuerliche und zivilgesellschaftliche Organisationen aus 12 EU-Mitgliedsstatten in einem offenen Brief an Agrarministerin Klöckner als Vorsitzende der Agrarminister*innen der EU gewandt. Die zentralen Forderungen des Briefes: Anpassung der Agrarpolitik an die Klima-und Biodiversitätsziele der EU, Beendigung des Höfesterbens und zielorientierte Förderpoliitk statt pauschaler Flächensubventionen.

Zum offenen Brief: www.wir-haben-es-satt.de/offenerbrief

Demonstrationsbündnis „Wir haben es satt!“

Bei der „Wir haben es satt!“-Demonstration gehen jedes Jahr im Januar Zehntausende in Berlin gegen die Agrarindustrie und für eine bäuerliche Zukunftslandwirtschaft auf die Straße. Bäuer*innen – ökologisch wie konventionell – kämpfen im Schulterschluss mit Umwelt-, Tier- und Klimaschützer*innen sowie Eine-Welt- und ernährungspolitischen Aktivist*innen für eine Wende in der Agrarpolitik – hin zu mehr ökologischer und bäuerlicher Landwirtschaft.

Weitere Informationen: www.wir-haben-es-satt.de

Pressemitteilung als PDF

Mainzer Appell: Termine zum sozial-ökologischen Wandel

Der Terminkalender kann hier eingesehen werden -> LINK!
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